
Ein neues Lebensmodell? Auch in Südtirol leben Menschen polyamourös, also in einer Liebesbeziehung zu mehreren Personen.
Es ist ein interessantes Phänomen, das der Psychotherapeut und Sexualberater Michael Peintner in seiner Praxis beobachtet: Auch in Südtirol leben immer mehr Menschen polyamourös, oder die entdecken dieses Beziehungsmodell für ihre Zukunft. Auf s+ erklärt Peintner, wo der Unterschied etwa zu einer offenen Ehe oder einer Affäre liegt und wie solche Beziehungen konkret aussehen.
Um polyamourös zu leben, müssten Menschen ein hohes Maß an sozialen Kompetenzen mitbringen, betont der Brunecker Psychotherapeut, denn mit diesem Beziehungsmodell sind eigene Normen und Werte verknüpft.
Polyamorie setzt sich zusammen aus dem griechischen Wort „polys“ (viele) und dem lateinischen „amor“ (Liebe) und heißt übersetzt „viele lieben“. Der Begriff tauchte erstmals in den 90er Jahren in den USA auf mit dem Ziel dergesellschaftlichen und rechtlichen Anerkennung alternativer Beziehungsformen. Einige Jahre später verbreitete er sich auch im europäischen Raum.
Wie sehr in Südtirol die monogame Lebensform als Norm fest gesellschaftlich verankert ist, merke ich immer wieder an meinen Klient:innen, die sich ein polyamouröses Leben vorstellen können. Viele haben Schwierigkeiten sich dazu zubekennen, sich im Freundeskreis als polyamourös zu „outen“ oder sich überhaupt selbst einzugestehen, dass sie diese Beziehungsform attraktiv finden.
Traditionelle Rollenbilder
Dabei merke ich, dass noch sehr oft die traditionelle Rollendiskussion fest in den Köpfen der Menschen verankert ist: Ein Mann, der mit zwei Frauen zusammen lebt, wird dabei meist eher toleriert oder gar als „Frauenschwarm“ gelobt, während eine Frau, die beispielsweise mit zwei Männern zusammenlebt, meist abgewertet und als „Schlampe“ oder dergleichen missbilligt wird.
Vielen meiner Klient:innen geht es dabei vor allem um eine Abgrenzung vonanderen eher sex-zentrierten Subkulturen wie der Swinger-Szene, aber auch um Unterschiede zu anderen Begrifflichkeiten wie „Affäre“, „Seitensprung“ oder „offene Beziehung“. Sie betonen dabei immer wieder die Wichtigkeit der Liebe und Romantik zu ihren Partner:innen. Einigen geht es um intime eher körperliche Praxen, aber auch um verschiedene Identitäten und sexuelle Orientierungen.
Klient:innen berichten mir von den unterschiedlichen Lebensmodellen: Aber doch haben sie alle etwas Gemeinsames: Die Abgrenzung zu monogamen Beziehungsformen. Ein Mensch lebt in einer Beziehung mit mehreren Menschen gleichzeitig, wobei alle daran Beteiligten voneinander wissen (im Unterschied zu Affäre oder Seitensprung). Wobei es die unterschiedlichsten Konstellationen gibt: Polyamouröse Lebensgemeinschaften leben manchmal in gemeinsamen Haushalten, und manchmal eben nicht. Und es muss auch nicht sein, dass in einer solchen Lebensgemeinschaft, jede:r in jede:n verliebt ist. Es gibt eigene Normen und Werte, ein neuer ethischer Code. Polyamouröse Lebensgemeinschaften haben eine neue Beziehungs- und Sexualmoral definiert: Transparenz, Kommunikation, Konsensfindung und Aushandlung sind zentrale Werte. Meinen Klient:innen sind Werte wie Loyalität und Treue sehr wichtig. In der Konsequenz müssen diese schon ein hohes Potential an sozialer Kompetenz mitbringen, um polyamouröse Werte und Haltungen auch zu leben.
„In Tirol und Südtirol merke ich auch ein steigerndes Bedürfnis von Menschen, polyamourös zu leben. Gleichzeitig besteht aber auch die Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung und Verachtung, wobei – wie schon eingangs erwähnt – Männern diese Lebensweise eher zugestanden wird als Frauen.“
Spannend finde ich, dass manche Klient*innen sich selbst auch mit einer polyamourösen Identität definieren, also als Teil der eigenen Persönlichkeit wahrnehmen und in dieser integriert haben. Wieder andere sehen ihre polyamouröse Lebensweise weniger als Identität, sondern mehr als ein aktuelles angestrebtes Verhalten.
In Tirol und Südtirol merke ich auch ein steigerndes Bedürfnis von Menschen, polyamourös zu leben. Gleichzeitig besteht aber auch die Angst vorgesellschaftlicher Ausgrenzung und Verachtung, wobei – wie schon eingangserwähnt – Männern diese Lebensweise eher zugestanden wird als Frauen.
Polyamorie ist also auch eine Geschlechterfrage wenn es um gesellschaftliche Anerkennungen geht und zeigt deutlich, dass geschlechtliche Gleichberechtigungen noch einen langen Weg vor sich haben.